Der Künstler

Ernst Wilhelm Nay ist einer der bedeutendsten Künstler der zweiten Generation der Moderne.

Mit seinem vom gegenständlichen zum abstrakten Bild fortschreitenden Œuvre schlägt er eine Brücke vom Expressionismus zur freien Setzung der Farbe, die er in höchster Meisterschaft beherrschte.

In den Späten Bildern Nays, die auch wieder Assoziationen an Figürliches erlauben, schließt sich der Kreis dieses zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion virtuos oszillierenden Werks, in dessen Mittelpunkt bei aller Abstraktion der Mensch stand.

Biographie

1902 – 1914

1902 Ernst Wilhelm Nay wird am 11. Juni als zweites von sechs Kindern in Berlin geboren. Seine Eltern sind Johannes Nay, Regierungsrat, und Elisabeth Nay geb. Westphal.

1912 Besuch des Humanistischen Gymnasiums in Berlin–Wilmersdorf.

1914 Im Alter von 52 Jahren fällt Nays Vater als Hauptmann in Belgien.

1915 – 1925

1915 Nay kommt auf das Internat Schulpforta in Thüringen. Erstes Interesse für moderne Kunst; erste Malversuche.

1921 Abitur in Schulpforta. Nay beginnt eine Buchhandelslehre in der Berliner Buchhandlung Gsellius.

1922 Abbruch der Buchhandelslehre; erste autodidaktische Landschaften und Porträts.

1923 Nay besucht abends einen Kurs für Aktzeichnen in der Berliner Kunstgewerbeschule und verdient sich seinen Lebensunterhalt u. a. als Hilfsarchitekt beim Film und als Verkäufer in der Buchabteilung im Kaufhaus des Westens.

1924 Erste Portraits und Landschaftsbilder. Mit drei seiner autodidaktisch gemalten Bilder stellt sich Nay bei Carl Hofer an der Hochschule der Bildenden Künste vor.

1925 Hofer erkennt Nays Begabung und empfiehlt dessen „Bildnis Franz Reuter“ für die Frühjahrsausstellung der Preußischen Akademie der Künste. Er vermittelt Nay ein Stipendium und nimmt ihn in seine Malklasse auf.

1926 – 1931

1926 Erste Ankäufe seiner Werke durch Museen in Lübeck und Hannover. Paul Westheim, der Herausgeber der Zeitschrift „Das Kunstblatt“, wird auf Nay aufmerksam und schreibt über ihn. Nay lernt seine spätere Frau Helene (Elly) Kirchner kennen, die an der Hochschule als Modell tätig ist.

1928 Beendigung des Studiums bei Carl Hofer. Studienreise nach Paris.

1930 Carl Georg Heise vermittelt einen Aufenthalt auf Bornholm. Dort entstehen „Strandbilder“, von denen eines die Nationalgalerie Berlin erwirbt.

1931 Nay erhält die Prämie des Staatspreises der Preußischen Akademie der Künste, verbunden mit einem neunmonatigen Stipendium für die Villa Massimo in Rom. Dort entstehen kleinformatige, surrealistisch–abstrakte Bilder.

1932 – 1935

1932 Eheschließung mit Helene (Elly) Kirchner. Auf der Rückreise von Rom nach Berlin begegnet er in München dem Kunsthändler Günther Franke, der sich von da an für seine Kunst einsetzt.

1933 Beteiligung an der Ausstellung „Lebendige deutsche Kunst“ in den Galerien Alfred Flechtheim und Paul Cassirer, Berlin. In einem Hetzartikel der Nationalsozialisten im „Völkischen Beobachter“ vom 25. Februar 1933 wird ein Bild von Nay („Liebespaar“, 1930) als „Meisterwerk der Gemeinheit“ verhöhnt.

1934 Bekanntschaft mit Erich Meyer, Alfred Hentzen, Werner Haftmann und dem 1933 aus seinem Amt entlassenen Direktor des Essener Folkwang–Museums Ernst Gosebruch. Beginn der Werkperiode der „Dünen– und Fischerbilder“ (1934–1936).

1935 Durch Vermittlung von Ernst Gosebruch Bekanntschaft mit dem Frankfurter Sammler Carl Hagemann. Im Sommer Aufenthalt in dem Fischerdorf Vietzkerstrand/ Ostsee (Pommern), wo großformatige Rohrfederzeichnungen – die sogenannten „Fischerzeichnungen“ – entstehen.

1936 – 1939

1936 Kurze Reise nach Sylt. Erneuter Aufenthalt in Vietzkerstrand; zahlreiche weitere Fischerzeichnungen.

1937 Nay wird in Deutschland mit Ausstellungsverbot belegt. In der Ausstellung „Entartete Kunst“ (gezeigt in München, Berlin, Leipzig, Düsseldorf und Dortmund), ist er mit zwei Bildern vertreten. Zehn seiner Werke aus Museumsbesitz werden beschlagnahmt. Durch die Vermittlung des entlassenen Lübecker Museumsdirektors Carl Georg Heise erhält Nay finanzielle Unterstützung von Edvard Munch, was ihm eine Reise nach Norwegen ermöglicht. Er verbringt drei Monate auf den Lofoten, malt dort großformatige Aquarelle. Auf diese folgend entstehen später, im Berliner Atelier, die sogenannten „Lofoten–Bilder“.

1938 Im Winter 1937/38 Ausstellung der auf den Lofoten entstandenen Aquarelle in der Galerie Holst Halvorsen in Oslo. Der Verkaufserlös ermöglicht Nay eine zweite Reise auf die Lofoten. Wieder entstehen Aquarelle und, zurückgekehrt nach Berlin, eine Serie von vier Holzschnitten sowie Landschafts– und Figurenbilder.

1939 Besuch bei der Sammlerin Hanna Bekker vom Rath in Hofheim am Taunus; malt dort Aquarelle. Bekanntschaft mit Alexej von Jawlensky in Wiesbaden, den er mehrmals besucht. Eine Reise ans Schwarze Meer nach Bulgarien muss Nay wegen Ausbruch des Krieges abbrechen.

1940 – 1945

1940 Zum Kriegsdienst einberufen, kommt Nay als Infanterist zunächst nach Südfrankreich, dann in die Bretagne. In Auray stationiert, kann er in seiner Freizeit an kleinen Aquarellen und Zeichnungen arbeiten. Während eines Heimaturlaubs in Berlin verschickt Nay den größten Teil seiner Bilder zu einem Onkel nach Muskau an der Lausitz, um sie vor Kriegseinwirkungen zu schützen.

1942 Durch Vermittlung von Hans Lühdorf, der als Dolmetscher in Le Mans Dienst tut, wird Nay Kartenzeichner bei einem Stab in Le Mans. Dort lernt er u. a. den Amateurbildhauer Pierre de Térouanne kennen, der ihm sein Atelier zur Verfügung stellt und ihm sogar Malmaterial besorgt. Erstmalig entstehen nun Gouachen, weiterhin Aquarelle und Zeichnungen sowie einige kleinere Ölbilder.

1943 Auf einer Dienstreise nach Paris besucht Nay Kandinsky. In Le Mans erhält er Besuch von Ernst Jünger. Bei einem Bombenangriff wird Nays Atelier in Berlin zerstört.

1944 Rückzug von Nays Einheit über Amiens in die Eifel. Hans Lühdorf verfasst einen tagebuchartigen Bericht über Nays künstlerische Arbeit in Le Mans.

1945 Bereits im Mai wird Nay als Obergefreiter von den Amerikanern aus der Armee entlassen. Da seine Wohnung in Berlin zerstört ist, geht er nach Hofheim/ Ts. und kann dort, durch Vermittlung von Hanna Bekker vom Rath, ein kleines Atelierhaus beziehen. Fruchtbare Kontakte u. a. mit Ernst Holzinger, dem Direktor des Städelschen Kunstinstituts, und dem Schriftsteller Fritz Usinger. Beginn der Werkperiode der „Hekate–Bilder“ (1945–48).

1946 – 1949

1946 Erste Nachkriegsausstellungen bei Günther Franke in München und bei Gerd Rosen in Berlin. Begegnung mit Elisabeth Kerschbaumer, seiner späteren Frau.

1947 Einzelausstellungen in der Galerie Vömel, Düsseldorf, bei Werner Rusche, Köln, im Kunstverein in Hamburg, in der Overbeckgesellschaft Lübeck, sowie in der Galerie Franz, Berlin. Bekanntschaft mit den Sammlern Bernhard Sprengel, Herbert Kurz und Karl Ströher.

1948 Beteiligung an der Biennale in Venedig. Bekanntschaft mit dem Sammlerehepaar Günther und Carola Peill.

1949 Nach einvernehmlicher Scheidung von Elly Nay Eheschließung mit Elisabeth Kerschbaumer. In Worpswede entsteht die erste große Graphikserie, zehn Farblithographien, verlegt bei Michael Hertz, Bremen. Ausstellung in der Städtischen Kunsthalle Mannheim (mit Fritz Winter) sowie im Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath, Frankfurt a. M.

1950 – 1953

1950 Erste Retrospektive in der Kestner-Gesellschaft in Hannover.

1951 Erstmals wieder in Berlin. Trifft dort den Bildhauer Hans Uhlmann und den Kunstkritiker Will Grohmann, denen er freundschaftlich verbunden bleibt. Im Oktober Übersiedlung nach Köln. Bezieht eine Dachwohnung in der Wiethasestrasse in Köln–Braunsfeld.

1952 Beginn der Werkperiode der „Rhythmischen Bilder“ (1952–53). Retrospektivausstellung anlässlich seines 50. Geburtstages im Haus am Waldsee in Berlin. Kunstpreis der Stadt Köln. Karl Ströher–Preis, Darmstadt.

1953 Nay zeichnet einen abstrakten Film („Eine Melodie – Vier Maler“, Regie: Herbert Seggelke) mit Jean Cocteau, Gino Severini und Hans Erni. Im Herbst drei Monate Gastdozentur an der Landeskunstschule Hamburg. Einzelausstellungen im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, im Kunstverein Bremen, und im Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus, Frankfurt a. M.

1954 – 1959

1954 Beginn der Werkperiode der „Scheibenbilder“ (1954–62), in denen die Kreisform der Scheibe in allen Abwandlungen zum dominierenden Bildmotiv wird. Im Sommer Aufenthalt in Løkken (Dänemark), wo eine Reihe großformatiger Aquarelle entsteht.

1955 Publikation der manifestartigen Schrift „Vom Gestaltwert der Farbe“. Lichtwark-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg. Teilnahme an der documenta I in Kassel wie auch der Biennale in São Paulo. Erste Ausstellung in New York (Kleemann Galleries). Retrospektive im Kunstverein in Hamburg und in der Kestner–Gesellschaft, Hannover.

1956 Einzelausstellung im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Für das Chemische Institut der Universität Freiburg/ Br. malt Nay ein großes Wandbild („Das Freiburger Bild“, 255 x 655 cm). Ernennung zum Mitglied der Akademie der Künste, Berlin. Großer Preis des Landes Nordrhein-Westfalen für Malerei.

1957 Im Februar Aufenthalt in Crans sur Sierre, wo Aquarelle entstehen. In Paris mietet er ein Atelier und druckt bei Georges Visat eine Serie von fünf farbigen Aquatinten, die Michael Hertz verlegt. Beteiligung an der Ausstellung „German Art of the Twentieth Century“ im Museum of Modern Art, New York.

1960 – 1962

1960 Retrospektive in der Kunsthalle Basel durch Arnold Rüdlinger. Publikation der Nay–Monographie von Werner Haftmann. Guggenheim Preis, New York (deutsche Sektion). Im Sommer entstehen Aquarelle auf der Insel Ischia. Einzelausstellung in der New London Gallery, London.

1961 Einzelausstellung in der Galerie Knoedler, New York. Bekanntschaft mit dem Kunsthändler Harry Brooks. Reise durch die USA.

1962 Große Retrospektive zum 60. Geburtstag im Museum Folkwang in Essen. Weitere Einzelausstellung in der Galerie Knoedler, New York. Reise nach New York, Washington und Boston.

1963 – 1965

1963 Beginn der Werkperiode der „Augenbilder“ (1963–1964). Reise nach den USA und Mexiko. Besuch bei Paul Westheim in Mexico–City. Einzelausstellung zum 40–jährigen Bestehen der Galerie Günther Franke, München.

1964 Auf Anregung von Arnold Bode entstehen im Kölner Atelier die drei großen sogenannten „documenta–Bilder“, die auf der documenta III in Kassel an der Decke hängend präsentiert werden (heute als Dauerleihgabe im Bundeskanzleramt, Berlin). Einzelausstellungen bei Knoedler in New York und Paris. Im Sommer entstehen Aquarelle auf Mykonos. Weitere Einzelausstellungen, u. a. Sonderausstellung von Zeichnungen und Aquarellen auf der „I. Internationalen der Zeichnung“ in Darmstadt.

1965 Beginn der Werkperiode der „Späten Bilder“ (1965–1968). Im Sommer Aquarelle auf Kreta. Einzelausstellungen bei Günther Franke in München und in der Galerie Holst Halvorsen in Oslo. Druck der Aquatintafolge „Über den Menschen“ bei Georges Visat in Paris.

1966 – 1967

1966 Reisen nach Marokko, New York, Los Angeles, Hawai, Japan und Hongkong. Große retrospektive Ausstellung im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart.

1967 Einzelausstellung der neuesten Bilder in der Galerie Günther Franke in München und in der Galerie im Erker, St. Gallen. Druck von vier Lithographien in der Erker–Presse. Einzelausstellungen in der Akademie der Künste, Berlin, in der Städtischen Kunsthalle Mannheim und im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien. Im Sommer entstehen Aquarelle in Ronchi, Italien. Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland

1968

1968 Im Februar letzte Reise nach Berlin zur Uhlmann–Ausstellung. Vollendung der Entwürfe für das „Keramische Wandbild“ des Kernforschungszentrums Karlsruhe (330 x 935 cm, Werkstatt: Jörg v. Manz). Anfang April entsteht das letzte Bild „Weiß–Schwarz–Gelb“.

Am 8. April 1968 stirbt Ernst Wilhelm Nay an Herzversagen in seinem Haus in Köln.