Elisabeth
Nay-Scheibler

Nachruf

Eine bemerkenswerte Persönlichkeit und Zeitzeugin der zweiten Hälfte des 20. Jahhunderts ist von uns gegangen. Mit ihr geht eine Aera zu Ende, die wir heute der Moderne zurechnen. Als Elisabeth Kerschbaumer wurde sie am 20. Oktober 1927 in München geboren. Hier wuchs sie auf und kam schon früh in Berührung mit bildender Kunst, nicht nur im Vaterhaus, sondern auch angeregt durch ihren Onkel Anton Kerschbaumer, der Maler war und in der Galerie Günther Franke in München ausstellte.

Diese wurde ihr Schicksalsort; denn Franke sprach mit der Schülerin über die Kunst der “Entarteten“, die er im Hinterzimmer seiner Galerie während der Nazizeit ausgewählten Personen zeigte. 1946 begann sie ihr selbstbestimmtes, der Kunst gewidmetes Leben als Volontärin bei Franke, der in die Stuck-Villa gezogen war. Hier lernte Elisabeth Kerschbaumer die Kunstwelt kennen; denn bei Franke verkehrten Sammler wie Bernhard Sprengel, Günther und Carola Peill, Herbert Kurz. Sie lernte Kunsthändler kennen: Curt Valentin, Heinz Berggruen, Verleger wie Kurt Wolff und Reinhard Piper, aber vor allem auch Künstler.

Entscheidend für ihr weiteres Leben wurde die Begegnung mit Ernst Wilhelm Nay, der 1946 bei Franke seine “Hekate“-Bilder zeigte. Trotz des Angebots von Curt Valentin, nach New York überzusiedeln, blieb sie in der Nähe von Nay. Die Freundschaft mit dem Maler, der fünfundzwanzig Jahre älter war, mündete 1949 in die Ehe.

Nach einigen Jahren in Hofheim im Taunus erfolgte der Umzug nach Köln 1951 in eine kleine Wohnung. Es entstand ein Kreis von Freunden aus Sammlern, Museumsleuten, Dichtern, Wissenschaftlern und Kunstfreunden. Werner Haftmann, Will Grohmann, Carl Georg Heise und Max Imdahl wurden zu bedeutenden Interpreten von Nays Kunst. Die Galerie “Der Spiegel“ stellte Nay regelmäßig aus. Elisabeth Nay war immer in der Nähe, organisierte das tägliche Leben, pflegte die Kontakte, kümmerte sich um Korrespondenz, Verträge etc. Sie wurde zu einer priviligierten Zeitzeugin, die den kulturellen Aufbruch der Bundesrepublik in der unmittelbaren Nachkriegszeit miterlebte und, was Nay betraf, mitgestaltete. Sie begleitete ihn auf seinen Reisen, als das amerikanische Interesse am Werk wuchs. Immer wieder reiste das Paar nach Griechenland, nach Mykonos oder nach Kreta. Elisabeth Nay lernte Französisch, weil auch Aktivitäten in Frankreich aktuell wurden. Nays Erfolg stieg, so dass 1959 ein einfaches Haus mit Atelier in Köln-Lindenthal nach Plänen des damals jungen Architekten Erwin Zander erbaut wurde, das Nay und seine Frau aber entschieden mitgestalteten. Es sollte ein moderner Bau werden.

Nachdem 1963 in Bayern ein Atelierhaus eingerichtet worden war, kam Elisabeth wieder mehr in Berührung mit ihrer Heimat, die Nay nach dem Krieg als “zu schön“ empfand. Sie übernahm die wachsenden Aufgaben der Verwaltung einer Künstlerkarriere, die immer weitere Kreise zog. Außerdem begann sie über Nay zu schreiben, so dass sie immer mehr in die Rolle einer Vermittlerin seiner Kunst hineinwuchs, was nach Nays plötzlichem Tod im April 1968 ein wesentlicher Lebensinhalt wurde. Sie organisierte Ausstellungen, arbeitete mit an Nay-Filmen. Ihr Interesse wandte sich prähistorischer Kunst zu, was zur Publikation von Buch und Film “Gesichter der Steinzeit“ 1981 führte.

1979 heiratete sie Christoph Scheibler, den sie seit Mitte der 50er Jahre kannte, einen Sammler und Freund, der sich lebhaft für Nay interessiert und eingesetzt hatte.

Seit den achtziger Jahren sorgte sie sich intensiv um die wissenschaftliche Aufarbeitung von Nays Oeuvre. Zuerst entstand das Werkverzeichnis der Gemälde von 1987 bis 1990, das Aurel Scheibler erarbeitete. Später folgte das besonders umfangreiche Werkverzeichnis der Arbeiten auf Papier, das Magdalene Claesges herausgab. Als Elisabeth Nay-Scheibler 2005 die Ernst Wilhelm Nay Stiftung gründete, bewies sie ihren Weitblick im Hinblick auf die zukünftige Sicherung der Aufmerksamkeit für Nays Werk, das einen herausragenden Rang in der Kunst des 20. Jahrhunderts einnimmt.

Elisabeth Nay-Scheibler war die ideale Partnerin eines ungewöhnlichen Menschen und Künstlers. Sie stand unverbrüchlich zu Nay, auch wenn schwierige Situationen zu meistern waren. Menschenkenntnis gepaart mit Humor, ihr Sendungsbewusstsein für die Sache der modernen Kunst, ihr Gespür für Qualität, ihr weitgefächertes Interesse an Kunst, Geschichte oder Entwicklungen innerhalb der Kultur machten Elisabeth Nay-Scheibler zu einer beeindruckenden Persönlichkeit. Ihre Energie und ihr Einsatz für Nay waren das Zentrum ihres Lebens, das vom Hinterzimmer bei Günther Franke zu einer vorbildlichen Weltläufigkeit fortschritt. Sie starb am 24. Juli im Atelierhaus in Köln.

Siegfried Gohr